Skulpturale Installation in der Jugendkirche effata, Münster.
Diese interaktive Skulptur entstand in Jahr 2015 im Rahmen einer Kunstaktion während der Kar- und Osterliturgie auf einem Kirchenvorplatz an mehreren Tagen. Ausgehend von dem Thema der Karwoche „Over and Out“ entwickelte ich den Gedanken: Aus uns vorbei – Diagnose Krebs… Was passiert, wenn man Jesus ins CT schickt? Der Mensch in Scheiben – was geschieht, wenn man eine barocke
Christusfigur (ein altes Schulkreuz aus dem Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Hiltrup) in Scheiben schneidet?
Die dabei entstehenden 72 Körperschnitte wurden von mir modelliert, auf menschliche Köpergröße projiziert und in selbstleuchtendem Plexiglas ausgelasert. Die entstandenen Körperscheiben schichtete ich dann in einem asymmetrisch verlaufenden Verhältnis zur Körperachse, Tag für Tag, Stunde
für Stunde auf eine Edelstahlstange. Um die Körperschnitte sichtbar zu lassen und das Licht für die fluoreszierenden Scheiben einzufangen wurden jeweils fixierbare Stellringe zwischen die einzelnen Körperschnitte platziert. Dadurch blieben die einzelnen Schichten voll beweglich und luden den Betrachter ein, sich interaktiv mit Jesus zu „befassen“ und eine Struktur zu erkennen, die letztlich den Gekreuzigten entstehen lässt. Dabei bilden die Edelstahlsäule und das statisch notwendigen Edelstahlgestänge zur Fixierung der Arme und Hände eine in der Figur immanentes Kreuz. Zahlreiche Passanten sahen in dieser Installation allerdings viel mehr: Wirbelsäule, Rückgrat – gebrochen an Karfreitag? Feuersäule – Wirbelsturm? Doppelhelix – DNS – Menschliches Genom? Leuchtende goldene oder blutrote Schimmer? Das Gesicht Jesu, usw.
In den Tagen der Karwoche entstand so die Figur des gekreuzigten Christus. Diese interaktive Figur wurde zum Abend des Karfreitags fertig gestellt. Dann war es voll-bracht. Genau in der Abendstunde, zur 9. Stunde also, erleuchtete sie in einem golden, fast surreal wirkenden, funkelndem Lichtschein. In der Osternacht, wurde sie dann symbolisch während des Evangeliums der Osterliturgie verdreht,
als Zeichen der Auferstehung. Pater Manfred Kollig, damaliger Leiter der Hauptabteilung Seelsorge, predigte zu der Christusfigur und forderte die Gottesdienstbesucher auf, sich selber zu drehen und umzukehren.
Theologische Einordnung:
Jetzt ging Pilatus wieder zu den Juden hinaus und sagte: „Ich will ihn noch einmal
herbringen lassen, damit ihr erkennt, dass er unschuldig ist!“ Dann kam Jesus heraus. Er trug die Dornenkrone und den roten Mantel. Und Pilatus forderte die Menge auf: „Seht ihn euch an, welch ein Mensch!“ Joh 19, 4-5
Die Skulptur bezieht sich theologisch auf das im Ersten Konzil von Nicäa verfasste Glaubensverständnis: Jesus Christus, Gottes Sohn, Licht vom Lichte, wahrer Gott und wahrer Mensch. Das in diesem Bekenntnis vom Wesen Christi grundgelegte Verständnis der Gottessohnschaft Jesu, soll symbolisch durch das lichtdurchflutete Material und gleichzeitig die äußere Form als Gekreuzigter versinnbildlicht werden. Die interaktive Gestaltveränderung, die durch die frei drehenden Körperschnitte möglich wird, soll dabei zeichenhaft für die Auferstehung und seine Auffahrt in den Himmel stehen. Somit kann die Skulptur synonym für Tod und Auferstehung Christi, den Wandel zwischen Tod und Lebendigkeit verstanden werden. Durch das fluoreszierende Plexiglas und die mögliche Verdrehung der Figur wird das Licht weiter getragen. Obwohl die Materialen gleich bleiben, wird durch die Verdrehung die Gestalt der Skulptur interaktiv verändert, gleichsam vom Leid zur Hoffnung. Die dadurch versinnbildlichte Wandlung soll den Gläubigen neue Perspektiven auf Tod und Auferstehung ermöglichen. Es kann in alle Richtungen verdreht werden. Somit spricht es damit alle Menschen an und verweist auf die Universalität der christlichen Botschaft und der Grundform des Kreises. Wir werden aufgefordert, umzukehren und uns selber zu drehen, uns dem Auferstandenen zuzuwenden. Weiterhin stehen die von mir verwendeten Materialien einerseits für die postmoderne Welt (fluoreszierendes Plexiglas) und ein bodenständige jedoch auch jugendkulturelle Ästhetik (Edelstahl), die eine Brücke schlagen sollen zwischen dem alltäglichen Leben der Betrachter und der feierlichen Liturgie. Die Korrelation zwischen Theologie und Medizin (Wissenschaft), die durch die Körperschnitte assoziiert wird, ist beabsichtigt und Teil der Kunst.

